schlagzeile
schlagzeile
schlagzeile
schlagzeile

"Ungerechtigkeit nehme ich persönlich" (14.12.2009, Zürichsee-Zeitung)

Ron Halbright ist ein Feuerwehrmann für soziale Brände: Herrscht in einem Schulhaus Gewalt, in einem Betrieb Mobbing oder in einem Dorf Fremdenhass, so wird er gerufen.

Ron Halbright, Ihr Name ist ein Synonym für Gewaltprävention geworden. Ist das schmeichelhaft?
Ideen brauchen Gesichter, die mit ihnen verbunden sind. Ich stehe für gewisse Ideen ein, glaube aber sehr an Multiplikatoren. Lehrer, Trainer, junge Peacemaker machen ihr Ding doch nicht wegen mir - viele kennen mich gar nicht. Wir vom National Coalition Building Institute Schweiz, kurz NCBI, können und wollen nicht in jeder Schule Konflikte schlichten, sondern diesen Job übernehmen jedes Jahr über tausend neue Peacemaker, und sie machen ihn gut.

Warum fasziniert Gewalt?
Als ich kürzlich mit der Lehrerschaft einer Primarschule arbeitete, kam in der Männerrunde genau diese Frage. Einer gestand, er gucke gerne Krimis, hasse aber Greuel in der Tagesschau. Ein anderer plädierte dafür, bei Schmerzen im Leben auf die Zähne zu beissen, und wunderte sich darüber, wie im Kinosaal die Tränen fliessen. Das sind Verlagerungen: Wenn man weiss, dass das Blut Ketchup ist, dann schaut man gern und kann sich auch berühren lassen. Real haben auch die Abgebrühtesten eine Grenze, nur: Je kaputte sie seelisch sind, desto weiter ist diese Grenze.

Die vielzieiterte Zunahme der Jugengewalt: Tatsache oder Panikmache?
Hauptsächlich Panikmache. Weit zurück gehen die Statistiken nicht; Jugendgewalt existiert seit jeher. Neu wird vermehrt darüber berichtet, und es werden mehr Anzeigen erstattet. Das lässt nicht zwingend auf die Zahl der Vorfälle schliessen. Verändert hat sich bestimmt die Gewalt an sich. Früher züchtigten Lehrer mit pädagogischer Legitimation, heute wären diese Schläge strafbar. Legal, wenn auch nicht mehr vertretbar, sind nun die Ohrfeigen der Eltern. Dorfkriege gibt's kaum mehr. Welche Gewalt thematisiert wird, ist politisch motiviert: Am medienwirksamsten ist heute Gewalt in der Unterschicht jugendlicher Migranten.

Haben Sie persönlich Gewalt erlebt?
Ich wuchs in Manhattan auf und wurde dort dreimal überfallen. Jahrelang raufte ich mich tagtäglich mit meinem besten Freund, allerdingt mit klaren Spielregeln.

Diverste Institutionen schreiben sich Abbau von Gewalt, Rassismus und Vorurteilen auf ihre Fahne, so die Stiftung Erziehung zur Toleranz SET oder Alain Guggenbühls Institut für Konfliktforschung und Mythendrama IKM. Worin unterscheidet sich ihr NCBI?
SET ist spezialisiert auf Lehrmittel, und wir sind mit ihnen verbunden. Auch Alain kenne ich gut, und wir streiten uns regelmässig. Er arbeitet tiefenpsychologisch, macht gewaltfördernde Männlichkeitsbilder aus und schreibt sie der männlichen Natur zu, obwohl viele Jungs friedlich sind: Ein gefährlicher Ansatz. Unser Ansatz hingegen ist emanzipatorisch und handlungsbezogen, doch Alain findet zum Beispiel die Peacemaker nutzlos.

Meist ist Prävention für die einen kostspielig, für die andern lukrativ. Man munkelt, Ihr NCBI sei ein höchst einträgliches Monopol.
Zuerst. Prävention ist bedeutend günstiger als eine Heimeinweisung oder als das Burn-out einer Lehrperson. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, und ich verdiene weniger als ein Seklehrer. Unsere Finanzen sind online offengelegt: Mit 700 000 Franken Jahresumsatz haben wir 2008 etwa 400 Programme durchgeführt, mit zwei Vollzeitstellen, einer Praktikantin und einer Reihe von Fachleuten, die wir gezielt beiziehen. Wir kriegen wenige Subventionen.

Nachts in der S-Bahn randalieren ein paar angetrunkene Jugendliche und beschimpfen Mitpassagiere. Was tun Sie?
Wo Männlichkeit schiefläuft, geht meine eigene Sicherheit vor, denn besoffene und aggressive Jugendliche sind garantiert nicht gesprächsbereit. Also: Distanz nehmen, andere Fahrgäste einbeziehen, Täter ablenken, jemand Angegriffenes beschützen und übers Handy Hilfe avisieren. Wir haben über tausend VBZ-Chauffeure zu diesem Thema weitergebildet. Und in unserem Erfolgsprojekt "Stattgewalt" kann man Strategien als Theater ausprobieren.

Woher stammt das Konzept Peacemaker mit dem inzwischen über 60 Schule arbeiten?
Seine Wurzeln liegen in den USA: Bei einer Gruppe aus Boston, einem Harvard-Professor, in der Friedensarbeit der Quäker. Ich besuchte 1992 verschiedene solche Schlichter-Projekte und schnitt sie auf die hiesigen Verhältnisse zu, die sehr anders waren als in den USA: Weniger Gewalt, keine Tagesschulen, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter, kleiner Schulen.

Verändern die Peacemaker eine Schulhauskultur?
Nicht bloss sie - Gewaltprävention kann nur von einer ganzen Schule getragen werden. Jede einzelne lehrperson muss dahinterstehen, sonst funktioniert es nicht. Schlichten statt richten, das heisst in der Praxis: Konflikte sind lösbar ohne Gewalteskalation, es gibt lernbare Fertigkeiten dafür, Kinder und Jugendliche können das auch. Das Bundesamt für Sozialversicherungen gewichtete jüngst in einer Studie zuhanden des Bundesrates "Peacemaker" als wirksam.

Haben Sie keine Vorurteile?
Oh doch! Und Vorurteile sind kaum löschbar. Sie können nur durch echte Beziehungen relativiert werden.

Gegen welches Ihrer Vorurteile kämpfen Sie am stärksten?
Jemand, der schlecht Deutsch spricht, sei dumm. Oder: Ein vorsichtiger, zurückhaltender Mensch habe wahrscheinlich keine Meinung, sei also ebenfalls dumm. Unsere Vorurteile hängen stets mit unsere Beiografie zusammen. Als begabtes Kind lernte ich Arroganz: Davon zeugen meine Vorurteile.

Der Verweis auf kulturelle Differenzen wird oft als fremdenfeindliche eingestuft. Zu Recht?
Oft, ja. Kulturalisierung ist die Reduktion auf Klischees. Doch dürfen kulturelle Werte hinterfragt werden, sonst hätten die Schweizerinnen noch immer kein Stimmrecht.

Sie sind stets auf Achse, stets mit Gewalt und Vorurteilen befasst. Wie regenerieren Sie?
Mit körperlicher Bewegung: Tanz, Theaterimprovisation, Yoga. Mit Reisen. Mit meiner Frau. Ich arbeite intensiv und mache dafür viele Pausen.

Was wären Sie gerne noch gefragt worden?
Warum ich diese Arbeit mache! Ich leibe sie. Ich sehe zu gern, wie Menschen offener werden. Als Kind von Flüchtlingen wuchs ich mit der Maxime auf, dass die besten Menschen solche sind, die zu Kindern in Not schauen oder Asylsuchende unterstützen. Diese HIlfe kann man nicht zurückbezahlen, sondern nur weitergeben. Ungerechtigkeit macht mich seit jeher unruhig. Ich nehme sie persönlich.

Zur Person

Ron Halbright (52) wuchs in New York auf und lebt seit 18 Jahren in Thalwil. Er studierte in den USA Physik, dann in Zürich Ethnologie und Pädagogik. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Stiefkindern. Der Fachmann ist auch nicht frei von Vorurteilen, und sieht es als Lebensarbeit, diese in Schach zu halten.

Kommentieren

Um den Artikel zu kommentieren, musst du eingeloggt sein.