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Die Lust an der eigenen Dominanz (11.12.2009, Der kleine Bund)

Gewaltausbrüche von Jugendlichen finden derzeit viel Aufmerksamkeit. Ein Blick in die Gerichtsarchive der Vormoderne zeigt erstaunliche Parallelen und bemerkenswerte Unterschiede zur Gegenwart.

Maskuline Protzereien, lautes Grölen, öffentliches Saufen und vor allem kollektives Zuschlagen finden derzeit viel Aufmerksamkeit. So scheint die Gewalt zwischen rivalisierenden Fussballfans schon fast zu einem unterhaltsamen Wochenende dazuzugehören.
Die Jungs machen das. Presse, Fernsehen und Youtube zeigen es. Und wir lesen es gern oder schauen gern zu: zwar angewidert, aber irgendwie auch fasziniert von den rohen Verstössen gegen unsere mühsam ausgehandelten Zivilisationsregeln. Das gebannte Hinschauen - aus sicherer Distanz - ist Teil des Problems. Denn so erhalten die Akteure auf einfache Weise eine ihnen sonst versagte Beachtung.

Edle Söhne malträtieren Bauern
Das historische Skript all dieser theatralischen Schlägereien ist alt - und auch wieder nicht. Ein Blick in die Gerichtsarchive der Vormoderne zeigt erstaunliche Parallelen und bemerkenswerte Unterschiede zur Praxis heute. Kenntnis der Geschichte der Gewalt kann das aktuelle Problem natürlich nicht lösen, sehr wohl aber zu einem besseren Verständnis beitragen.
Bereits im Spätmittelalter finden wir in den politisch entwickelten Städten Italiens Söhne aus edlen, hochstehenden Familien, die ihr Vergnügen darin suchen, gemeinsam auf Land zu reiten und Bauern zu malträtieren. Generell war die Ausübung von Gewalt auf der Piazza kein spezieller Habitus von Männern aus Unterschichten. Bis etwa im 17. Jahrhundert sind Männer aus den Eliten in den Gerichtsregistern europäischer Städte sogar überrepräsentiert. Für sie war es kein Fehltrtit, auf der Strasse Beleidigungen auszusprechen oder das Messer zu ziehen, wenn ihnen jemand dumm von der Seite kam.
Männer von Ehre waren bewaffnet. Sie trugen im Alltag für jedermann sichtbar ein langes Messer am Gürtel. Im Verlauf der Frühen Neuzeit zogen sich Adlige und Patrizier langsam aus den "Händeln" auf der Strasse zurück. Diese Entwicklung kann man in den Metropolen Paris und London oder auch in den mittleren Grossstädten wie Frankfurt am Main beobachten.

Gewalt in der Familie
Ob die Männer der Eliten begannen, nach höfischem Vorbild ihre Emotionen besser zu kontrollieren, und der Gewalt gänzlich entsagten, so wie es das Zivilisationsmodell des Soziologen Norbert Elias skizziert, kann man nicht sicher sagen. Zumindest war Gewalt in der Familie bereits in der Frühen Neuzeit ein Problem, gegen das die Gerichte nur sehr zögerlich einschritten. Die vielen Berichte über Gewalt zwischen Eheleuten oder auch in der Nachbarschaft zeigen, dass auch Frauen sich durchaus zu wehren wussten. Sie züchtigten und schlugen zu.
Der typische Teilnehmer an einer Schlägerei im öffentlichen Raum ist im 18. Jahrhundert dagegen männlich, jung und ledig. Besonders auffällig sind die in Brüderschaften organisierten Handwerksgesellen. Vergleichbar mit den rivalisierenden Fangruppen heute kannten die Gesellen bestimmte Orte und Anlässe für ihre Schlägereien bis hin zu regelrechten Verabredungen. Der einzelne Geselle war gezwungen mitzumachen, wollte er nicht seine Ehre verlieren und "geschimpft" werden, gleichbedeutend mit sozialem Ausschluss aus der Brüderschaft. Auch auf dem Dorf ist die kollektive Schlägerei eine Sache der ledigen Burschen, dort jedoch schichtübergreifend. Charakteristische Szenarien für Schlägereien sind auf dem Lande weinselige Fest- und Feiertage. Wenn sich die Burschen aus benachbarten Dörfern schlugen, ging es aber durchaus auch um handfeste Interessen: strittige Grenzen zwischen den Feldern, unerwünschte Eindringlinge auf dem lokalen Heiratsmarkt.

Rätselhafte Faszination
Das fortschrittsoptimistische Vorurteil, es sei eben primitiv zugegangen "im Mittelalter", wird von immer weniger Historikern geteilt. Ebenso wenig kann das zweite populäre Stereotyp überzeugen, solch schlimme "Zustände" wie heute habe es "noch nie gegeben". Die Geschichte der Gewalt hat viele Facetten. Je länger man sich damit beschäftigt, desto rätselhafter erscheinen sie. Dies könnte daran liegen, dass von der Gewalt eine unheimliche, historische Epochen überschreitende Faszination ausgeht. Für denjenigen, der zuschlägt und damit eine unmittelbare Lust an seiner Dominanz erfährt, indes auch für denjenigen, der zuschaut, aber selbst keine Schmerzen erleiden muss.
Warum sonst pilgerten in der Frühen Neuzeit Tausende zu öffentlichen Hinrichtungen? Wieso delektiert sich in der Gegenwart ein Millionenpublikum an Gewaltszenen im Film?

Der Einsatz der Ehre
Richtet sich die Gewalt im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit gegen sozial oder religiös Ungleiche, so wird sie schnell exzessiv. So massakrierten Adlige in der Fehde ohne viel Federlesens die Bauern des gegnerischen Burgherren. Auch "Ketzer", seien sie nun Hugenotten oder Muselmanen, mussten mit dem Äussersten rechnen. Davon künden die Metzlereien in der Bartholomäusnacht in Paris im Jahr 1572 und die Schlachten in den Türkenkriegen.
Alltägliche Gewalt unter Gleichen kannte dagegen durchaus begrenzende Regeln, einhegende Rituale, Versöhnung. Bedenkt man die Verfügbarkeit von Waffen als Teil der Kleidung und die geringen Fähigkeiten der alten Chirurgi und Barbiere, so passierte relativ wenig.
Um seine männliche Ehre auf der Strasse unter Beweis zu stellen, reichte es in den meisten Fällen aus, sein Messer zu ziehen und verbal Dampf abzulassen. Man musste nicht unbedingt zustechen, tat dies auch nicht. Gewalt im Dunkeln oder von hinterrücks galt als unehrenhaft. Denn sie liess dem Gegner nicht die Chance zur Erwiderung. Vor Aggressionen der Nachbarn schützte das Recht des "Hausfriedens". Ziel der Burschen und Gesellen war es nicht, den gleichen Gegner lebensgefährlich zu verletzen oder gar zu töten. Zuvörderst ging es um den Einsatz der Ehre, die man vor Publikum unter Beweis stellte, indem man Spektakel machte. Dies alles ist ein klarer Gegensatz zu Fällen, in denen sinnlos auf Opfer eingetreten wird, die schutz- und wehrlos am Boden liegen.

Keine reine Privatsache
Anders als heute waren kollektive Aktionen junger Männer während der Vormoderne keine reine Privatsache oder Freizeitvergnügen. In einer Zeit, in der es kaum Polizei und keine Sozialpolitik gab, versahen die "Brüder" allgemeine Funktionen. Burschen vertraten die Interessen des Dorfes notfalls gewaltsam nach aussen und straften Übertreter von Normen im Dorf.
Handwerksgesellsen integrierten wandernde und Not leidende Genossen. Selbst übermütige Jungadlige, die Bauern verdroschen, erfüllten eine gewisse Aufgabe für die beanspruchte höchste Ehre ihres Kriegerstandes, indem sie im Alltag soziale Grenzen markierten. Wie sich heute zeigt, hat dieser Funktionsverlust der jungen Männer eine zivilisationsgeschichtliche Schattenseite.

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