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Wie eine eingeschlagene Scheibe in einem Dorf zum nationalen Skandal wurde (15.01.2010, Der Bund)

Der Gemeindeammann von Niederbüren SG stellte randalierende Jugendliche an den Pranger. Der Alltag ihrer Familien ist seither ein Spiessrutenlauf.

Niederbüren bei Uzwil im Kanton St. Gallen ist ein ländliches Idyll: ruhig und überschaubar. Jeder kennt jeden, fast jeder ist Mitglied in einem der 20 Vereine. Etwa dreimal im Jahr kommt etwas Aufregung ins Dorf mit seinen 1400 Einwohnern: wenn Jugendliche Abfall liegen lassen, Getreidesäcke der Landi aufschlitzen oder die Telefonkabine bei der Posthaltestelle verschmieren. Zweimal jährlich muss die Polizei aus Uzwil gerufen werden. Niederbüren selber braucht keine. Oft beobachten Einwohner, wer die Delikte begangen hat, oder die Eltern finden es heraus. Die soziale Kontrolle funktioniert.

«Leute glauben, was sie wollen»

Auf diese Weise wurden auch drei Sachbeschädigungen am 27. und 28. November im letzten Jahr aufgeklärt: Nur zwei Wochen nach einem Zeugenaufruf im Mitteilungsblatt der Gemeinde wusste man, dass fünf Jugendliche im Alter von 12 und 13 Jahren die Fensterscheibe einer Scheune bei der Kirche eingeschlagen, die Weihnachtsbeleuchtung niedergerissen und einen Inselschutzpfosten demoliert hatten. Doch dann ging es erst richtig los.

Im Mitteilungsblatt vom 17. Dezember nannte Gemeindeammann Niklaus Hollenstein die Namen und Adressen der drei Real- und zwei Sekundarschüler (siehe Faksimile). Kaum waren sie im Internet, meldete sich ein erster Journalist bei einer Mutter. «Ich fiel aus allen Wolken. Niemand hatte uns vorher informiert.» Seither habe sie ein Dutzend Anfragen von Medien erhalten. Von einer anderen Mutter weiss sie, dass ihr Journalisten aufgelauert haben: Ausgerüstet mit Kamera und Mikrofon hätten sie gefilmt, ohne vorher zu fragen. Einen Vater sollen Journalisten mit dem Auto verfolgt haben.

«Du giltst als Rabenmutter»

Für die Mutter wurde Einkaufen zum Spiessrutenlauf: «Die Leute schauen dich an, sagen aber nichts. Dann weisst du: Du giltst als Rabenmutter.» Über einen Vater wird erzählt, er sei mit seiner Frau in den Ferien gewesen und habe den Sohn unbeaufsichtigt zurückgelassen. «Das ist Unsinn. Aber wie kann ich die Leute überzeugen? Sie glauben ohnehin, was sie wollen», sagt er.

Im «Blick» und in den elektronischen Medien wurde folgender Tatablauf geschildert: Die fünf Jugendlichen hatten sich nach Schliessung des Jugendtreffs um 23 Uhr zu einem Saubannerzug durchs Dorf aufgemacht. Damit war der Ton in den Foren und Leserbriefspalten vorgezeichnet: Was sind das für Eltern, die es zulassen, dass 12-jährige Kinder nach 23 Uhr randalieren! In mehreren Einträgen auf «Blick online» wurde gefordert, die Kinder den Eltern zu entziehen. «Hinten herum wurde auch im Dorf so gesprochen. Den Mut, mir das direkt ins Gesicht zu sagen, hatte aber niemand», sagt ein Vater.

Aus der Klasse geholt

Laut übereinstimmenden Aussagen von Eltern und Lehrern der Jugendlichen gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sind die Sachbeschädigungen an zwei verschiedenen Tagen begangen worden: Die Weihnachtsbeleuchtung wurde am Samstag am späteren Nachmittag heruntergerissen. Kurz nach 19 Uhr am Freitag zerstörten sie die Fensterscheibe und demolierten den Inselschutzpfosten.

Ein paar Tage später stand die Polizei im Schulhaus. Sie pflückte sich die fünf Jugendlichen vor versammelter Klasse heraus und verhörte sie auf dem Polizeiposten. Drei Stunden lang stritten sie die Vergehen hartnäckig ab.

«Wehret den Anfängen!»

Darüber regt sich Gemeindepräsident Niklaus Hollenstein noch heute auf. «Warum haben sie es nicht von Anfang an zugegeben? Und warum haben sie sich nicht gestellt?», fragt er. Hätten die Jugendlichen mit den Behörden zusammengearbeitet, hätte er die Namen nicht genannt. Der CVP-Politiker, der sich gerne in Rage redet, kennt gravierende Fälle von Jugendgewalt nur aus den Medien. «Ich will, dass in meinem Dorf Ruhe und Ordnung herrscht. Die Nennung der Namen wirkt präventiv. Kennen Sie den Ausdruck 'Wehret den Anfängen'?» Er habe in Niederbüren viel Lob erhalten. Auch die meisten Medien priesen ihn als Mann der Tat: Endlich jemand, der es wagt, randalierenden Jugendlichen Grenzen zu setzen! Laut den Lehrern der Schüler war die Meinung im Dorf allerdings nicht einhellig: Kritiker Hollensteins wollten sich zwar nicht exponieren. Manch einer habe aber ironisch gefragt: Und wann schafft er es ins «10vor10»?

Vielleicht wird demnächst ein Gericht Hollensteins Vorgehen beurteilen. Diese Woche haben drei Eltern eine Strafanzeige wegen Persönlichkeitsverletzung eingereicht. Es sei nicht die Aufgabe des Gemeindepräsidenten, Kinder auf diese Weise zu erziehen. Dafür seien die Eltern verantwortlich. «Mein Sohn hat bisher nichts verbrochen. Die eingeschlagene Scheibe muss er selber berappen, und er wird mit Hausarrest bestraft», sagt ein Vater. Der Bubenstreich sei ärgerlich, gehöre aber zum Erwachsenwerden. «Wir haben das früher auch gemacht und sind deswegen nicht gleich an den Pranger gestellt worden.»

Laut dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür hat die Anzeige eine gute Chance. «Sachbeschädigungen von 12- und 13-Jährigen stellen wohl kaum eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung dar», sagt er. Eine eingeschlagene Scheibe rechtfertige es nicht, den Namen des Täters zu veröffentlichen.

(Tages Anzeiger)

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